Man braucht viel weniger zum Leben und Zufriedensein

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Wer nach Skandinavien auswandert, verbindet besondere Erwartungen und Hoffnungen mit dem neuen Leben im Norden. Aber wie ist es tatsächlich, in einem anderen Land ganz von vorn zu beginnen? Kann die Realität den Hoffnungen gerecht werden? Unsere ehemalige Teilnehmerin Kathleen berichtet, wie sie das erste halbe Jahr in ihrer neuen schwedischen Heimat erlebt hat.

 

Wieso hast du dich entschieden nach Schweden auszuwandern?

Mein Lebensgefährte Rasmus wollte gerne mal in Schweden arbeiten. Er setzte alles auf eine Karte, bewarb sich am damaligen BTC in Rostock, bekam die Zusage und so begann eine spannende Zeit für uns beide. Im Januar 2015 zog er dann nach Schweden.
Natürlich habe ich ihn dort auch besucht und als ich das erste Mal nach Schweden flog, hatte ich das Gefühl, hier zu Hause zu sein. Ich weiß noch, als ich in Arlanda ankam und auf mein "Taxi" wartete, war es als würde ich nach Hause kommen, als wohnte ich schon immer in Schweden.

Sehr viele Dinge auf der Fahrt erinnerten mich an meine Kindheit. Die Luft roch so gut, die Landschaft und die Wälder sahen hier immer noch so aus wie damals und vor allem die Überlandstromleitungen. Wir sahen sogar einen Elch und ich glaube da habe ich den Entschluss gefasst, hierher ziehen zu wollen, irgendwann einmal, wenn die Kinder alle selbständig sind. Irgendwie war es Liebe auf den ersten Blick.
Ich war so fasziniert und überwältigt von allem und habe es bis heute nicht bereut, auch wenn wir jetzt erst 6 Monate hier zusammen wohnen.
Rasmus kaufte das Häuschen am See auf dem Land ca. 1h südwestlich von Stockholm und so pendelte ich mehrmals im Jahr nach Schweden über fast sieben Jahre.

Wie lief es für dich mit der Jobsuche?

Die Arbeitssuche gestaltete sich völlig unkompliziert. Ich kam mit eurer Hilfe in Kontakt mit der ZAV Outgoing. Parallel dazu habe ich selbst nach Arbeitsstellen gesucht, die meinen Vorstellungen entsprachen.
Nachdem ich endlich die C1 Prüfung bestanden hatte und alle Dokumente vorbereitet waren, ging es recht schnell.
Ich habe nur 2 Bewerbungen online verschickt und schon nach einer halben Stunde hatte ich eine Antwort. Eine Woche später war das Vorstellungsgespräch (es ging wirklich eine Stunde), und ich hatte nach einer halben Stunde eine mündliche Zusage und am Tag darauf den Arbeitsvertrag unterschrieben.
An dieser Stelle möchte ich mich vor allem bei Jörgen, Heike, Constanze und nicht zu vergessen Stefan für die völlig unkomplizierte und äußerst kompetente Unterstützung sowie für eure sehr liebevolle, fordernde und stets individuelle Begleitung bedanken.

Wie waren die ersten Tag und Woche im neuen Job?

Die ersten Wochen waren einfach anstrengend für mich, hauptsächlich der Sprache wegen. Hören, zuhören und übersetzen, antworten und das mit vielen verschiedenen Menschen bzw. Berufsgruppen. Immer die Grammatik im Nacken und hoffentlich verstehe und spreche ich auch alles richtig! Nach 4 Wochen habe ich damit aufgehört, weil es einfach zu viel war. Es war mir dann (fast) egal, ob es jetzt richtig oder falsch war.
Arbeitstechnisch musste ich erst einmal alle deutschen Standards "vergessen", um dann die neuen Routinen zu lernen. Ich fühlte mich sprachlich und fachlich wie der totaler Anfänger und das mit fast 25 Jahren Berufserfahrung. Ich konnte mich einfach nicht so umfangreich ausdrücken wie ich gerne wollte.
Nach 5 Wochen Einarbeitung habe ich selbständig Patienten betreut. Natürlich immer mit der Unterstützung der Kollegen. Das geht auch gar nicht ohne, selbst wenn man nicht aus dem Ausland kommt.

Was ist im schwedischen Arbeitsalltag anders als in Deutschland?

Die Kolleginnen und Kollegen hier sind freundlich, nett und hilfsbereit, jedoch auch distanziert. Sie sind auf ihre Art herzlich.
Es wurde schon während der Einarbeitungszeit ein höheres Maß an Selbständigkeit von mir erwartet und auch darüber hinaus. Zum Beispiel ist mehr Eigenreflexion gefordert als dass konstruktive Kritik geübt wird. In der Theorie gibt es ein gutes Einarbeitungskonzept, die Umsetzung entsprach dem nicht so. Ich hatte bis heute kein Gespräch mit meiner Mentorin, bin mir nicht mal sicher ob sie weiß, dass sie meine Mentorin ist, oder mit der für mich zuständigen Pflegekraft. Dafür hatte ich aber bisher zwei sehr gute Gespräche mit meiner Abteilungsleitung.

Ich habe auf meiner alten Station in Deutschland selbst Einarbeitungs- und Begleitkonzepte entwickelt und umgesetzt. Die Willkommenskultur ist meiner Erfahrung nach schon freundlich und sind alle hilfsbereit, nur habe ich selbst eine herzlichere Kultur im Sinne von "Caring" auf meiner Station gehabt und auch gelebt.
Nur ein Beispiel: nach 4 Monaten hat das erste Mal eine Undersköterska nach dem Spätdienst zu mir gesagt: "...ich warte auf Dich, dann gehen wir uns gemeinsam umziehen..."
Das wäre auf meiner alten Station nie passiert.

Ich habe hier mehr Prozessverantwortung in der Pflege und ich musste lernen, zu zweit zu arbeiten, mich mehr absprechen und austauschen, bzw. den Focus auf mehr pflegeprozessteuernde Tätigkeiten legen. Dazu gehören beispielsweise die Organisation der weiterführenden Pflege vor Entlassung (Stichwort LifeCare), mehr Angehörigengespräche, pflegerische Epikrise schreiben usw.

Ich finde es gibt insgesamt gute Rahmenbedingungen und eine sehr gute Organisationsstruktur auf der Station mit einem hohen Maß an Unterstützungsgedanken, das finde ich sehr wichtig für die Arbeitsbewältigung.
Die Pflegekräfte können den Arbeitsalltag auch ohne Chefs bewältigen. Das spricht sehr für die Art der Stationsführung.


Was ist dir positiv aufgefallen? Was hat dich überrascht?

Die Sjuksköterskor sind stolz auf ihre Berufsbezeichnung und das merkt man auch an ihrem Verhalten. Das finde ich sehr schön.
Positiv ist auf jeden Fall auch die Digitalisierung: Es kann so einfach sein!
Außerdem gibt es pro Pflegekraft & Undersköterska max. 6 Betten. Damit sind wir gut beschäftigt. Zweimal am Tag ist Visite und die Ärzte sind die ganze Schicht auf der Station und immer ansprechbar.
Jeden Freitag findet ein gemeinsames Frühstück für alle Berufsgruppen statt, bei dem man sich austauschen und kennenlernen kann. Darüber hinaus sind   Fortbildungen sehr wichtig.
Am Wochenende arbeitet man im Früh- und Spätdienst eine halbe Stunde kürzer als sonst.
Und es gibt vier Wochen Urlaub am Stück – dafür muss man dann länger ohne auskommen. (Ich weiß nicht, wie die Schweden das hier machen. Ich könnte nicht 10,5 Monate am Stück arbeiten ...)

Überrascht hat mich, wie gut doch die schwedischen Patienten informiert bzw. aufgeklärt sind in Bezug auf z.B. Medikamente/Krankheitsbild und Therapie. Sie fordern ihre Informationen auch aktiver ein als in Deutschland.
In Schweden darf man auch zwei Schichten hintereinander arbeiten, das wusste ich bislang auch nicht.  
Außerdem scheint eine hohe Fluktuation hier normal zu sein.


Wie unterscheidet sich der Alltag in Schweden von deinem Leben in Deutschland?

Der Alltag ist entspannter. Wir kaufen weniger oft ein, ich koche für mehrere Tage vor, habe nach der Arbeit mehr Zeit für mich/uns selbst und kann es auch genießen.
Ich wasche weniger Wäsche, putze nicht mehr so oft, bin insgesamt ruhiger.
An Arbeitstagen sind wir fast 12 Stunden nicht zu Hause und da kann man durch Vorbereitung viel Zeit sparen.
Ich bin eh schon minimalistisch veranlagt und mit wenig zufrieden, aber es geht auch mit noch weniger. Was ich damit sagen möchte, ist, eigentlich braucht man viel weniger zum Leben und Zufriedensein als man glaubt.
Ich vermisse hier nichts aus Deutschland, habe alles, was ich brauche, und fühle mich einfach nur wohl und zufrieden.


Wie klappt es sprachlich mit PatientInnen, KollegInnen und überhaupt?


Wie gesagt, war es am Anfang richtig stressig für mich. Ich kann noch immer nicht wieder richtig Englisch sprechen wie gewohnt. Das geht nur mit viel Konzentration und am Anfang ging es gar nicht, was mir sehr peinlich war.
Seit vier Wochen träume ich auf Schwedisch, das ist ein komisches Gefühl.
Nach vier Monaten ging es deutlich flüssiger, da habe ich nicht mehr so lang wie vorher überlegt und übersetzt. Das Schreiben klappt mittlerweile auch viel schneller.
Beim Hörverstehen kommt es auf die Person an, manchmal müssen sie sich doch wiederholen oder ich frage dann einfach eine einfache Frage, gerade bei der Visite.
Telefongespräche sind nicht schön, da muss ich öfter nachfragen. Das ist aber nicht so schlimm, glaube ich, denn wenn man sich hier normal unterhält, kommt in 80% aller Fälle die Frage: Vad sa du? Das gehört schon zum normalen Sprachgebrauch.

 

Herzlichen Dank, Kathleen, dass du deine Erfahrungen mit uns geteilt hast!

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